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In Wahrheit ist es Liebe...

Gabi Berens

In Wahrheit ist es Liebe...

Unser behindertes Kind als Wegweiser.


Country-Verlag, Halle/Westf.
ISBN13: 978-3-9803144-1-1
186 Seiten - Hardcover: € 18.00

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Gabi BerensVorwort

„Hallo, Gabi - träumst du?” Laurenz Stimme holte mich zurück in die Gegenwart. Ich setzte mich im Liegestuhl auf und blinzelte in die Sonne, deren Wärme mich wohlig einhüllte. Dann sah ich hinüber zu Timo und Sören, meine beiden Söhne, die ganz vertieft auf einer Decke spielten.

Plötzlich durchströmte mich ein Gefühl unendlicher Dankbarkeit und großer Liebe für meine Familie, mit der ich diesen Urlaub genoss.

Entspannt lehnte ich mich wieder zurück und ließ meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen. Noch vor wenigen Jahren gab es Zeiten, in denen ich nicht wusste, ob ich solch unbeschwerte Momente jemals wieder erleben würde.

Während ich meine Kinder beobachtete, spulten sich plötzlich Situationen aus dieser Zeit wie Filmszenen vor meinem inneren Auge ab. Die erste Zeit mit Laurenz, voller Freude und Erwartung, gefolgt von Phasen der Angst und Trauer, Hoffnung, Siegen und Niederlagen. Sie alle haben mich geprägt. Manche Erlebnisse führten mich an die Grenze meiner Belastbarkeit, lösten aber auch einen tiefgreifenden Lern- und Reifeprozess in mir aus. Es dauerte einige Zeit, bis ich bereit war, mich ihm zu öffnen. Manchmal schien es, dass ich daran zu zerbrechen drohte.

Im nachhinein vergleiche ich meine Entwicklung gern mit einer Raupe, die sicher im Kokon eingesponnen lebt. Plötzlich bemerkt sie angstvoll, dass dieser Schutzmantel zu zerspringen droht. Trotzdem folgt sie ihrem Instinkt in dem ewigen tiefen Wissen um das Gute dieser Veränderung. Sie sprengt die selbstgewählte Enge - und entpuppt sich als ein neues Wesen, als Schmetterling.

Heute bin ich unendlich dankbar für die Veränderung in meinem Leben. Durch sie erfuhr ich das Geheimnis der Liebe.

Mein weiter Weg dahin begann im November 1983.

Ich war schwanger.

Kapitel 1

  Alles wird aufhören,
nur Glaube, Hoffnung und Liebe nicht.
Diese drei bleiben,
aber die Liebe steht am höchsten.
1. Korintherbrief 13,13

"Herzlichen Glückwunsch, Frau Berens, Sie sind schwanger!" Fröhlich bestätigte die Arzthelferin des Gynäkologen meine Hoffnungen.

Ich strahlte sie an und brachte nur heraus: "Oh, wie schön!"

Meine Gedanken überschlugen sich regelrecht. Jetzt war er da, der Moment, in dem mir offiziell bestätigt wurde, dass unser Wunsch nach einem Kind Wirklichkeit geworden war!

An diesem Novembertag 1983 verließ ich die Arztpraxis wie auf Wolken. Ich erinnere mich noch, dass ich durch die Straßen von Mettingen schwebte, während es in mir jubelte: schwanger, schwanger, schwanger . . .

Im nächsten Kaufhaus steuerte ich sofort auf die Kinderabteilung zu. Ausgiebig wühlte ich mich durch Berge von winzigen Jäckchen und Strampelanzügen.

"Kann ich Ihnen behilflich sein?" fragte mich eine Verkäuferin.

Beinahe hätte ich ihr erzählt, dass ich schwanger sei und diese wundervolle Neuigkeit meinem Mann mit Hilfe eines Strampelanzugs beibringen wollte. Doch dann sagte ich nur: "Nein, danke, ich schaue bloß mal."

Ich konnte mich gar nicht satt sehen an diesen süßen Sachen. Schließlich entschied ich mich für einen weinroten Nicky-Strampler mit einem aufgestickten weißen Häschen. Dass ausgerechnet dieser Strampler ein paar Jahre später eine ganz besondere Rolle spielen sollte, ahnte ich damals noch nicht.

Schnell fuhr ich mit meiner Errungenschaft nach Hause und brannte darauf, dem werdenden Vater die wunderbare Nachricht mitzuteilen. Ich schaffte es gerade noch, mit meinem Geschenkpaket bis in die Küche zu gelangen, als mir Laurenz über den Weg lief.

"Gabi, da bist du ja! Sag mal schnell, wie war es . . .?" Lachend unterbrach er seine Frage: "Du strahlst ja wie ein Weihnachtsbaum, also stimmt es?"

Ich konnte nur nicken.

Im nächsten Moment hatte mich Laurenz in seine Arme gerissen und veranstaltete einen Freudentanz durch die Küche. Viel später, als wir uns beruhigt hatten, zeigte ich ihm den Strampelanzug.

"Den nehmen wir, um unsere Eltern schonend auf die Anrede 'Oma und Opa' vorzubereiten", grinste er.

Abends kamen überraschend unsere Vermieter vorbei. Natürlich erzählten wir ihnen sofort von unserem Glück und köpften gemeinsam eine Flasche Sekt. Das Gespräch rauschte an meinen Ohren vorbei, denn ich war nur von einem Gedanken erfüllt: In dir wächst ein Mensch heran! Noch heute üben schwangere Frauen eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Jeden runden Bauch betrachte ich mit Ehrfurcht. Es ist eines der größten Wunder der Schöpfung.

Am nächsten Tag legten wir den winzigen Strampler kommentarlos vor die zukünftigen Großeltern auf den Tisch. Sie begriffen unseren Wink zunächst gar nicht. "Wie niedlich! Für wen ist denn das?"

Als wir dann die Situation klärten, herrschte erst einmal großes Durcheinander. Damit hatte keiner gerechnet.

Wir waren beide noch sehr jung, Laurenz war 23 Jahre alt, ich 22, und keiner hatte gedacht, dass wir uns so schnell Nachwuchs zulegten. Wir aber fühlten uns nicht zu jung und hatten uns ganz bewusst für unser erstes Kind entschieden.

Nachdem sich unsere Eltern schließlich vom ersten Schrecken, plötzlich Großeltern zu werden, erholt hatten, war auch bei ihnen die Freude groß.

Meine Schwangerschaft verlief wunderbar. Mir ging es prächtig, und gemeinsam gingen Laurenz und ich zu den Untersuchungen. Alles war in Ordnung.

Ich genoss die Schwangerschaft mit jeder Faser meines Herzens. Immer wieder stellte ich mich vor den Spiegel, um die Rundung meines Leibes zu betrachten. In der ersten Zeit war ich sehr enttäuscht, denn mein Bauch wollte und wollte nicht größer werden. Ich wünschte mir doch so sehr, dass jeder sehen sollte, was mit mir los war.

Dass mein Zustand wirklich kaum zu erkennen war, zeigte mir das zufällige Zusammentreffen mit einer ehemaligen Schulkameradin.

Sie schob einen Kinderwagen mit einem Säugling vor sich her, und an ihrer Hand zappelte ein anderes Kind. Wir unterhielten uns eine Weile lang, bis sie plötzlich sagte: "Na - denkt ihr auch schon an Nachwuchs?"

Stolz richtete ich mich auf. "Ich bin schon im sechsten Monat!" Doch zu meinem Leidwesen musste ich mir wieder anhören: "Wirklich? Man sieht aber noch gar nichts!"

An diesem Tag beschloss ich, Umstandshosen anzuziehen, obwohl es noch nicht nötig gewesen wäre. Und siehe da - es half! Kurze Zeit später wuchs mein Bauch zu ungeahnter Größe an.

Laurenz war begeistert und konnte sich nicht sattsehen an der Kugel. Zwischendurch musste er immer wieder mal die Hände drauflegen, um zu fühlen, wie das Baby sich bewegte, oder er presste sein Ohr an meinen Bauch, um eventuell ein Geräusch zu erhaschen.

All die herrlichen Albernheiten, die man während einer Schwangerschaft so treibt, genossen wir in vollen Zügen. Die Erinnerungen an diese Zeit sind voller Freude und Harmonie. Wir denken mit viel Liebe an sie zurück.

In den letzten Wochen der Schwangerschaft bereiteten wir alles für die Ankunft des Babys vor.

Am 30.06.1984 um 16.45 Uhr wurde unser Sohn Timo geboren. Es war eine ganz normale Geburt. Nie im Leben werde ich den Augenblick vergessen, als nach allen Anstrengungen dieses kleine Bündel Mensch plötzlich auf meinem Bauch lag. Überwältigt dachte ich: Wir haben es geschafft! Unser kleiner Timo ist da!

Laurenz war genauso gerührt wie ich. Die ganze Sehnsucht der letzten Monate hatte ihren Höhepunkt erreicht. Niemand hätte uns vorher auch nur im entferntesten das Gefühl beschreiben können, das uns überkam, als wir zum ersten Mal dieses kleine Menschlein im Arm hielten.

Leider blieb uns nicht viel Zeit, den Augenblick zu genießen. Timo durfte nicht lange auf meinem Bauch verweilen, weil er vierzehn Tage zu früh geboren war. Er war mit 48 cm und seinen 2520 g so zart und klein, dass er schon nach kurzer Zeit am ganzen Körper vor Kälte zitterte und zu weinen begann. Es war kein richtiges Weinen, sondern eigentlich mehr ein leises Fiepen.

Als ich einige Zeit später geduscht in meinem Bett lag, versuchte die Hebamme, Timo an meine Brust zu legen, damit er trinken konnte. Aber er war zu schwach zum Saugen und wusste einfach nichts mit der Brustwarze anzufangen.

"Das kriegen wir schon hin", meinte die Hebamme beruhigend. "Der kleine Mann ist zu müde. Am besten legen wir ihn über Nacht ins Wärmebettchen. Das machen wir immer mit den ganz Eiligen."

"Denken Sie, dass es wirklich nötig ist?" fragte ich die Hebamme enttäuscht, denn eigentlich hatte ich mir vorgestellt, Timo würde nach der Geburt bei mir im Zimmer bleiben. Wenn schon die körperliche Verbundenheit nicht mehr vorhanden war, so wollte ich trotzdem möglichst viel Nähe zwischen uns schaffen.

"Frau Berens, machen Sie sich keine Sorgen", versuchte sie mich zu trösten. "Säuglinge, die so klein und zart sind wie Timo, haben oft Probleme, ihre Körpertemperatur zu halten. Im Wärmebettchen wird sich Ihr Sohn sehr wohl fühlen, und morgen sieht alles ganz anders aus."

Auch Laurenz versuchte mich zu trösten. Er nahm mich in seine Arme und gab mir zärtlich zu verstehen: "Es ist ja nur für eine Nacht. Ab morgen trennt euch keiner mehr."

Nur halb getröstet, verbrachte ich eine unruhige Nacht. Timo war nicht mehr in mir, Laurenz lag nicht neben mir, sondern weit weg zu Hause im Bett - ich fühlte mich leer und allein. Unruhige Träume quälten mich. Immer wieder schreckte ich hoch, weil ich glaubte, Timos Weinen zu hören. Wie er sich wohl fühlte? Ob er mich auch so vermisste wie ich ihn?

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