Wie sehr hatte ich mich auf das Seminar gefreut! Tieftraurig dachte ich daran, welche Chance es für Jürgens Leben bedeutet hätte.
Als Günter und Röschen am Freitag nachmittag bei mir eintrafen, war die Begrüßung wieder ausgesprochen herzlich. Es waren einige Monate vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten.
„Hallo!“ riefen die beiden und nahmen mich stürmisch in die Arme. Ich hatte mich so gefreut auf sie. Es waren zauberhafte Menschen. Durch Günters Seminar war mir 1983 schlagartig klargeworden, dass Gedanken immense Kräfte haben, die bewusst oder auch unbewusst Ereignisse in unser Leben bringen. Letztendlich war er auch indirekt für das Entstehen meines Buches verantwortlich, in dem ich näher auf die Themen seines Seminars eingehe.
Als Günter das erste Mal von meinem fertigen Husky-Manuskript erfuhr, hatte er bewegt gesagt: „Immer wieder habe ich mir vorgenommen, selbst ein Buch zu schreiben - aus irgend einem Grund habe ich es dann aber gelassen. Jetzt weiß ich warum: Die geistige Welt wollte, dass es durch dich geschrieben wurde.“
Als ich den beiden half, ihr Gepäck zu verstauen, nahm mich Röschen zur Seite und flüsterte: „Na, wo ist er denn?“
„Setzt euch zuerst einmal“, meinte ich und schenkte Kaffee ein. Und dann erzählte ich ihnen alles.
Samstag morgen gegen halb zehn sollte das Seminar beginnen. Ich hatte meinen Wecker früh gestellt, um für uns alle in Ruhe das Frühstück vorzubereiten. Die Kinder durften das Wochenende bei ihren Freunden verbringen, so dass ich an beiden Tagen am Seminar teilnehmen konnte.
Es war noch alles still im Haus. Ich wollte aufstehen. Doch auf einmal drehte sich alles bei mir im Kopf. Was ist das denn? dachte ich überrascht und setzte mich sofort wieder hin. Plötzlich merkte ich, wie meine Füße sich wie Bleigewichte anfühlten. Nein, irgendwas war nicht in Ordnung mit mir, aber was? Wieder versuchte ich aufzustehen - und wieder das gleiche Theater.
Reiß dich zusammen, Gila, sagte ich mir, du hast Gäste, die versorgt werden müssen, die Kinder müssen weggebracht werden, und dann das Seminar. Also komm!
Diesen Zustand der Schwäche kannte ich gar nicht. Seit über zwei Jahrzehnten war ich nicht mehr krank gewesen, wenn man mal von einer starken Erkältung absah. Wieder versuchte ich, einen Fuß vor den anderen zu setzen - mit dürftigem Erfolg. Ich schaffte es gerade noch, die Kinder zu wecken. Als ich dann langsam die Treppe hinunterging, geschah es: Mir wurde schwarz vor Augen. Ich konnte mich soeben noch am Treppengeländer festhalten.
Mein einziger Wunsch war, ganz schnell wieder in mein Bett zu gelangen, bevor noch mehr passierte. Da lag ich nun - gefällt wie eine Eiche und musste zugeben, dass ich wahrscheinlich krank war.
Dana hatte inzwischen gemerkt, dass etwas nicht stimmte. „Was ist denn los mit dir? Was hast du denn?“ fragte sie teilnahmsvoll.
„Geh zu Röschen und sag bitte, sie möchte mal kommen“, murmelte ich schwach in die Kissen, „ich glaube, ich bin krank.“
„Du warst doch noch nie krank“, antwortete Dana fassungslos, ging dann aber, um Röschen zu holen.
Ein paar Minuten später standen Röschen und Günter an meinem Bett und schauten sorgenvoll auf mich herab.
„Zum Seminar kann ich heute wohl nicht mitkommen“, flüsterte ich matt, „aber morgen ganz bestimmt! Ich kann nicht mal Frühstück machen für euch. Ich glaube, ich bin krank.“
„Gila, mach dir keine Sorgen!“ meinte Günter tröstend. „Das mit dem Frühstück kriegen wir schon hin. Bleib erst einmal liegen, damit es dir besser geht.“
„Aber ich habe den Teilnehmern versprochen, dass ich dabei bin.“
„Aber nicht, wenn du krank bist. Dafür wird wohl jeder Verständnis haben“, entgegnete Röschen. „Schlaf jetzt weiter. Wir bringen die Kinder zu ihren Freunden. Du brauchst dich um nichts zu kümmern.“
Nichts ging mehr bei mir. Als alle gegangen waren, kam das Fieber, das ich seit der Kindheit nicht mehr gehabt hatte. Zwischendurch wieder ein Schüttelfrost - immer abwechselnd. Obwohl ich am Vorabend noch keinerlei Anzeichen einer Erkältung gespürt hatte, setzte jetzt plötzlich auch ein Hustenreiz ein.
Gegen Mittag rief ich meinen Hausarzt an, der kurze Zeit später auch erschien. Nach der Untersuchung stellte dieser fest: „Verdacht auf Lungenentzündung - und das bei Ihnen?“
Ich versuchte zu lachen, aber es wurde nur eine Grimasse daraus. Er wusste, dass ich fest davon überzeugt bin, dass alle Krankheiten nur Symptome sind und ihr Ursprung in einer seelischen Disharmonie zu finden ist. Des öfteren hatten wir darüber diskutiert. Auch er war ein Arzt, der ganzheitlich behandelte, deshalb schätzte ich ihn so sehr, als Arzt und auch als Menschen. Vor mehr als dreißig Jahren war er in unseren kleinen Ort gezogen und hatte seine Praxis hier eröffnet. Er hatte es anfangs nicht leicht gehabt, da er aus Ägypten kam. Aber durch seine liebevolle und nette Art, mit Patienten umzugehen, wurde er äußerst beliebt.
„Na, ja“, lächelte er, „wir kriegen Sie schon wieder hin.“
Nachdem er mir zwei Spritzen gegeben hatte, versprach er mir, am nächsten Tag wieder vorbeizuschauen. Plötzlich fiel mir siedendheiß ein: „Ich habe ja die Lesung am Dienstag!“
Er runzelte die Stirn und meinte: „Na, darüber reden wir noch.“
Das Fieber stieg. Da wir kein Fieberthermometer im Haus hatten, wusste ich nicht mal wie hoch. Ich schlief - und fieberte.
Abends mussten die Gäste versorgt werden. In meiner Not rief ich Marianne an, die dann kam und das Abendbrot zubereitete.
Am nächsten Morgen stand ich früh auf. „Mir geht es besser“, entschied ich, obwohl ich mich nicht viel besser fühlte. „Ich komme nach der Kaffeepause zum Seminar und bleibe dann bis nachmittags.“
„Ob du das schaffst?“ fragte mich Röschen besorgt.
„Ja, ich glaube schon.“
Nachdem die beiden früh zum Seminar gefahren waren, versuchte ich unter immensen körperlichen Anstrengungen, meine vom Fieber völlig ramponierte Frisur wieder in den Griff zu bekommen. Dann machte ich mich auf den Weg. Es war eine Tortur. Schon bald bereute ich, dass ich aufgestanden war. Aber da musste ich jetzt durch.
Herzlich wurde ich von den Seminarteilnehmern begrüßt, die mein Leben durch mein Buch kennengelernt hatten. Für die meisten von ihnen war es das erste persönliche Zusammentreffen.
Unter ihnen befand sich auch Heide, mit der ich früher mal längere Zeit im Außendienst gearbeitet hatte. In der Pause begrüßte ich sie.
Als sie merkte, dass es mir nicht gut ging, zog sie ein Fläschchen mit einem Teelöffel aus der Tasche. „Gila, ich hab hier etwas, das hilft garantiert“, meinte sie überzeugt. „Das ist ein Extrakt aus der Yucca-Palme. Mach mal den Mund auf!“
„Was ist das denn?“ wagte ich gerade noch zu fragen, als sie mir auch schon den gehäuften Teelöffel eines gelben Pulvers vor den Mund hielt. Ich hatte Vertrauen zu ihr und nahm es. Es schmeckte ein wenig trocken.
„Paß auf, gleich geht’s dir besser!“ stellte sie fest. „Garantiert!“
Ich war wie in Trance. Günter hatte mich auch hier wie in den vorhergehenden Seminaren gebeten, ein Referat über mein Leben und Erleben mit den geistigen Gesetzen zu halten und auf Fragen der Seminarteilnehmer zu antworten.
Mit äußerster Anstrengung schaffte ich gerade noch ein paar Sätze. Dann ging nichts mehr. Noch vor dem Mittagessen verabschiedete ich mich, um bloß so schnell wie möglich wieder in mein Bett zu kommen. Mit Heides Fläschchen in der Tasche, dessen Pulver angeblich sogar euphorisch machte, fuhr ich nach Hause. Wenn Jürgen doch bloß da wäre ...
Jeden Kilometer zählte ich auf dem Tacho - es waren genau dreiundvierzig bis nach Hause. Wie ein Klotz fiel ich wieder ins Bett, völlig erschöpft und am Ende meiner Kraft - und fieberte weiter.
Am Montag, einen Tag vor meiner geplanten Lesung, spürte ich, wie das Fieber noch anstieg. Vormittags kam der Sohn meines Hausarztes, der seit einiger Zeit die Praxis zusammen mit seinem Vater führte.
„Sie sind schwerkrank“, diagnostizierte er, nachdem er die Lungen abgehört hatte, „keinesfalls können Sie morgen die Lesung halten!“
„Ich bin nicht schwerkrank“, erwiderte ich matt.
„Ach, nein?“ Er lächelte ein wenig wegen meiner Eigenwilligkeit. „Und warum nicht?“
„Weil ich morgen die Lesung halte ...“
„Wie wollen Sie das denn schaffen? Sie haben fast vierzig Grad Fieber und eine Lungenentzündung. Damit können Sie doch nicht auftreten.“
Es ging noch ein wenig hin und her zwischen uns. In seinen Worten spürte ich jedoch die Sympathie, die mitschwang, und seine ehrliche Überlegung, wie er mir helfen konnte. Nachmittags kam dann sein Vater nochmals vorbei und gab mir eine Aufbauspritze.
„Mein Sohn sagte mir, Sie wollen morgen trotz allem Ihre Lesung halten?“
„Ja“, sagte ich entschieden.
„Na gut, wenn Sie es unbedingt wollen, dann werden Sie's auch schaffen! Wie spät beginnt das morgen abend?“
„Um acht Uhr“, erwiderte ich matt.
„Wann fahren Sie los?“
„Kurz nach sieben.“
„Gut“, überlegte er, „dann kommen Sie vorher in meine Praxis. Ich gebe Ihnen noch eine Aufbauspritze.“
Ich dankte ihm für sein Verständnis. Es war meine erste Lesung. Zweihundert farbige Plakate waren im gesamten Umkreis aufgehängt worden. Die Presse hatte über diese Aktion in mehreren Artikeln berichtet. Außerdem waren im Vorverkauf bereits mehr als ein Drittel der Eintrittskarten verkauft worden. Zudem hatte die Buchhandlung noch so manchen Kunden persönlich zu dieser Lesung eingeladen.
Seit Monaten hatte ich mich darauf gefreut. Ich musste es jetzt durchziehen. Dass das Ganze platzen könnte, war einfach nicht in meiner Vorstellung vorhanden.
Am Dienstag morgen fieberte ich immer noch. Mir ging es nach wie vor nicht besser. Wie sollte ich es bloß schaffen? Und dann betete ich um Kraft. „Vater im Himmel, ich brauche deine Hilfe für diese Lesung. Bitte, gib mir Kraft!“
So wie ich mir in der damaligen Situation der Angst mental und schriftlich immer wieder die gleichen Worte eingeprägt hatte, so bat ich nun um Kraft für die Lesung.
Gegen Mittag stand ich auf, um meine Beine, die sich wie Pudding anfühlten, zu bewegen. Ich versuchte, mich auf den Abend vorzubereiten.
Als Karin mich ansah, fragte sie zweifelnd: „Willst du es wirklich wagen?“
„Ich fahre kurz vorher noch mal beim Arzt vorbei, um mir eine Spritze abzuholen“, antwortete ich matt, während ich die Lesezeichen in mein Buch legte.
Kurz vor sieben Uhr erinnerte ich mich plötzlich an das Fläschchen, das ich von Heide bekommen hatte. Am Sonntag auf dem Seminar hatte ich zwar nicht viel Linderung erfahren, aber vielleicht hatte ich zuwenig genommen.
Allmählich wurde es Zeit zum Aufbruch. Ich ging nochmals ins Badezimmer und nahm diesmal statt eines Teelöffels einen gehäuften Esslöffel. So, das musste reichen.
Wenn Jürgen doch hier wäre und mit mir fahren könnte, dachte ich wehmütig, als ich das Fläschchen verschloss, schob den Gedanken aber wieder zur Seite, um mich auf meine vor mir liegende Aufgabe zu konzentrieren. „Vater, gib mir Kraft!“ murmelte ich wieder.
Kurz bevor ich das Haus verlassen wollte, spürte ich plötzlich, wie sich mein Gesicht stark rötete und anschwoll. Nanu, dachte ich, was ist denn jetzt los? Ich schaute in den Spiegel und erschrak. Mein Gesicht und mein Hals waren krebsrot! Das war doch eben noch nicht. O Himmel - woher kam das denn? Vom Fieber? Oder ob das was mit dem gelben Pulver zu tun hatte?
So schnell es mein angeschlagener Zustand zuließ, ging ich noch mal ins Badezimmer und nahm mir das Fläschchen zur Hand. Ich brauchte meine Lesebrille, um zu erkennen, dass unter dem Produktnamen die Worte ‘Happy Pets' - glückliche Haustiere - stand, und darunter in kleinen Buchstaben: Futterzusatz - bei größeren Tieren entsprechend höher dosieren. Na, bitte! Ich hatte Tierfutterzusatz geschluckt!
Was nun? Mein Gesicht glühte wie zehn überreife Tomaten, aber die Zeit rannte mir davon. Ich musste jetzt wirklich los.
Wie abgemacht, fuhr ich noch zur Praxis unseres Arztes. Als er mich sah, fragte er erschrocken: „Wie sehen Sie denn aus? Sie haben hohes Fieber!“
„Nein“, antwortete ich kleinlaut und bat alle Engel im Himmel, mir zu helfen.
„Es ist vielleicht nur die Aufregung, was?“ lächelte er. „Dann gebe ich Ihnen nochmals eine Aufbauspritze.“
Weil mir nach den letzten Spritzen immer sehr heiß geworden war und ich befürchtete, bald auszusehen, wie ein roter Luftballon kurz vorm Platzen, fragte ich meinen Arzt, ob die Spritzen weitere Hitzewellen auslösen könnten.
„Ja, das kommt vor.“
Wegen meines Tomaten-Teints bat ich ihn dann doch, für heute auf die Aufbauspritze zu verzichten. Er traute dem Braten ganz und gar nicht und nahm mich mehrmals ins Visier. Für nichts auf der Welt hätte ich ihm eingestanden, dass ich gerade eine Überdosis Pulver für glänzendes Fell verputzt hatte.
Aus Sorge um mich traf er schließlich eine einsame Entscheidung. Er bot mir an, mit seiner Frau zu meiner Lesung zu kommen, allerdings erst dann, wenn die Praxis leer war. Das war ein Angebot!
Und dann war die Stunde da! Der große Saal des Bürgerhauses, der knapp 150 Leute fasste, reichte bei weitem nicht aus, um allen Zuhörern Platz zu bieten. Eiligst wurden noch Tische hereingetragen, auf denen noch einige Leute Platz fanden. Selbst die Fensterbänke und die nach oben führende Wendeltreppe waren dicht besetzt mit Zuhörern. Später erfuhr ich, dass so mancher wegen Überfüllung gar nicht mehr eingelassen worden war.
Für meinen Arzt und seine Frau hatten wir in der ersten Reihe zwei Plätze reserviert. Ich war sicher, dass er seinen kleinen Notfallkoffer dabei hatte.
„Vater, gib mir Kraft!“ hatte ich vorher immer wieder gebetet, bevor ich in den Saal geholt wurde. Jetzt saß ich hier im Rampenlicht vor all den Zuhörern, die gespannt waren auf mich und meine Story. Bewusst kann ich mich nur noch daran erinnern, dass ich bei der Ansprache des Bibliothekars dachte: Vater, gib mir Kraft!
Und dann war ich dran. Ich schaute in die Zuschauerreihen. Alle waren sie gekommen - mein gesamter Freundes- und Bekanntenkreis, auch Minka und ihre Freundinnen aus Bielefeld, die noch nichts von unserer Trennung wussten.
Ich zog das Mikrofon an mich heran. Und plötzlich geschah etwas Eigenartiges: Ohne eine Spur von Lampenfieber fing ich an zu erzählen. Nach der lockeren Begrüßung der Gäste sprach ich darüber, dass der Erlös dieses Abends für die Kriegsopfer in Jugoslawien bestimmt sei. Dann erzählte ich von meinem Leben, merkte, wie die Zuhörer auftauten und nach den verschiedenen Passagen, die ich las, offene Fragen stellten.
Ich hatte manchmal das Gefühl, dass nicht ich spräche, sondern jemand anderes, der all diese lustigen Dinge erzählte, die die Zuhörer zum Lachen brachten. Es war ganz merkwürdig. Ich konnte mir zuhören und staunte über mich selbst. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Es war, als wäre ich nur Werkzeug für diese Lesung.
Der Abend wurde ein derartiger Erfolg, wie ich es nie zu hoffen gewagt hatte. Alle meinten später übereinstimmend, die Lesung sei etwas ganz Besonderes gewesen. Auch ich empfand es so, denn ich weiß, dass ich in meinem angeschlagenen Zustand diese Lesung nie allein durchgestanden hätte. Ich habe Gott um Hilfe gebeten, und ich weiß, dass er seine Kraft durch mich hat wirken lassen.
Als die letzte Widmung geschrieben war, brachte mich Marianne zu meinem Auto. Ein paar Mal musste sie mich festhalten. Jetzt erst, nachdem alles vorbei war, spürte ich, wie nassgeschwitzt ich war. Immer wieder bot sie mir an: „Gila, ich bringe dich nach Hause.“
„Ich fahre ganz langsam, Marianne“, erwiderte ich kraftlos. „Versprochen! Es ist ja nicht so weit.“
Noch drei Tage lang lag ich danach mit hohem Fieber im Bett, bis es dann langsam abklang und es mir endlich wieder besser ging.
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